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Musterlösung Soku 7 (Europa) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Longi   
Sonntag, 5. Februar 2006

4. Der Pariser Geschichtsprofessor Le Goff stellt sich in einem seiner Bücher einen Reisenden durch Europa vor, der innerhalb weniger Flugstunden

„Länder besucht, in denen die Menschen verschiedene Sprachen sprechen, auf unterschiedliche Weise essen und sich kleiden, verschiedenen Religionen angehören und sich […] Russen, Engländer, Deutsche, Norweger, Polen, Italiener oder Spanier nennen – aber fast nie Europäer. Daher fragt sich unser Reisender: Gibt es Europa eigentlich wirklich? Was heißt es, Europäer zu sein?“

[Jacques Le Goff: Die Geschichte Europas. Campus Verlag. Frankfurt-New York 1997, S. 9]

Bitte versuchen Sie, Le Goff eine Antwort auf seine Fragen zu geben, und stellen Sie die Ihrer Meinung nach wichtigsten Gemeinsamkeiten heraus, die die Europäer verbinden. Erörtern Sie in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob es wünschbar und machbar wäre, in Europa das zu verwirklichen, was Sie als Motto auf allen US-amerikanischen Münzen finden: E PLURIBUS UNUN (Aus vielen [Völkern] ein einziges Volk)?

Europa hat Gemeinsamkeiten. Sie sind älter als die nationalen Verschiedenheiten und Abgrenzungen. Im Grunde sind die Eigenarten und Eigenwilligkeiten der Völker "Differenzierungen" eines Ganzen, in dem griechisch-römische Antike, Christentum, Aufklärung und europäisches Judentum eine unvergleichliche Mischung eingegangen sind. Die kulturelle, die geistige, auch die wirtschaftliche Einheit Europas war eine oft verdrängte und verleugnete, aber nie völlig erloschene Realität. Sie lebte im Europa des christlichen Glaubens, der Philosophen und Humanisten, der Baumeister der Kathedralen und Paläste wie der Kaufleute und Finanziers - auch in den Mythen und Märchen der Völker. "Vier Fünftel unserer geistigen Habe sind europäisches Gemeingut." meinte der spanische Philosoph Ortegay Gasset.

Europa hat Grenzen. Wo sie liegen, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Das geographische Europa zieht andere Grenzen als das historische, das ökonomische andere als das kulturelle usw. - und alle sind sie verschieden von denen des politischen Europa. Differenzierung und Vielfalt sind europäisch, aber auch Trennungen und Teilungen. Der eiserne Vorhang von Lübeck nach Triest war eine besonders undurchlässige, aber gewiss nicht die erste Grenze zwischen dem einen und einem anderen Europa. Mit "Europa" wurde schon immer nur ein Teil seiner Geographie, seiner Völker, seiner Kultur bezeichnet - und ein wechselnder dazu. Zu den Wesensmerkmalen Europas gehören das Ungenaue und das Unbegrenzte. Und auch das Ungeheure.

Zu Europa gehören Brüche und Widersprüche ebenso wie das Aushalten von Brüchen und Widersprüchen, die Aufnahme des Andersartigen, anders Denkenden, anders Wertenden und seine Integration ebenso wie unnachsichtige Ablehnung und gewaltsame Abgrenzung. Europäer haben durch die Jahrtausende immer wieder Neues angezogen, aufgesogen und weiterentwickelt. Und Europäer haben Juden, Muslime, Indianer verfolgt, gemartert und getötet in Kreuzzügen, Pogromen, Holocaust. Europäische Völker haben andere europäische Völker überfallen, unterdrückt, vertrieben. Und europäische Christen haben in Religionskriegen und Bartholomäus-Nächten europäische Christen verfolgt, vertrieben und getötet. Die Überwindung von Nationalismus, Rassismus und Fundamentalismus, gleich welchen Ursprungs und gleich welcher Prägung, gehört zur Identitätsfindung Europas.

Den Frieden zwischen Völkern, die jahrhundertelang mit Raub und Mord, Krieg und Verwüstung übereinander hergefallen sind, dauerhaft zu organisieren, war und bleibt der Kern der Identität des "neuen Europa". Wir brauchen die Einigung der Völker Europas immer noch, um die Schatten der jüngeren Vergangenheit zu bannen - nicht nur der deutschen. Aber die Union wird zur Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts nur dann etwas beitragen, wenn sie mehr ist als nur die Antwort der fünfziger Jahre auf die Konflikte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Wenn Europa darauf beharrt, mit rückwärts gewandtem Kopf in die Zukunft zu gehen, wird es zur Salzsäule erstarren.

Die europäische Identität bildet sich in den Antworten der Völker auf die großen Fragen der Zukunft. Wo stehen sie, wenn es darum geht, den Frieden zu sichern und Menschen in Europa und anderswo in der Welt vor Krieg und Vertreibung, vor Mord und Raub zu schützen? Welche Rolle spielen sie in einer Welt mit zunehmender Bevölkerung, wachsendem Hunger, immer größeren Wanderungswellen, grenzenloser Umweltzerstörung und ungebremster Klimaveränderung? Welche Zukunft schaffen sie für die Grundlage der europäischen Zivilisation, die menschliche Arbeit, in einer sich globalisierenden Wirtschaft? Finden sie ein neues Gleichgewicht zwischen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der sozialen Gerechtigkeit, auf dem die Demokratie in Europa ruht?

Der klassische europäische Nationalstaat ist für die Lösung der wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen Probleme der modernen Welt zu klein. Auch der Größte ist in den Lebensfragen der Völker längst nicht mehr Herr im eigenen Haus. Mit dieser Entwicklung ist das Lebensgefühl vieler Menschen nicht mitgekommen. In den europäischen Völkern klaffen Bewusstsein und Realität immer weiter auseinander. Eine solche Gesellschaft wird krank. Sie neigt zu eruptiven Reaktionen oder zur Regression und Intoleranz.

Den Nationalstaat klassischer Prägung gibt es zwar nicht mehr, aber damit ist er nicht am Ende. Die Europäische Union löst die europäischen Völker nicht auf. Sie vereinigt sie, aber sie verschmilzt sie nicht. Sie macht aus ihnen kein europäisches Volk. Solange in Europa Nationen bestehen - und sie werden, wenn auch nicht ewig, so doch noch lange bestehen - werden sie natürlich auch in ihren eigenen Staaten leben wollen.

Die Europäische Union ist nicht und wird nicht eine Nachbildung des Nationalstaats des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Weder die Bundesrepublik Deutschland noch die Vereinigten Staaten von Amerika noch die Schweiz sind die Blaupausen für die Konstruktion der künftigen Europäischen Union. Sie bleibt eine "Union der Bürger und der Staaten". Auch eine europäische Verfassung wird sie nicht zu einem europäischen Bundesstaat machen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden immer mehr sein, als nur Bundesländer einer "Bundesrepublik Europa".

Europa findet seine Identität in der Einheit, nicht in der Einheitlichkeit. Es wird auch in Zukunft eine Fülle von nationalen und regionalen Sprachen, Kulturen, Gewohnheiten, Traditionen und Erinnerungen geben. Die Europäer bleiben in nationalen, regionalen und lokalen Bezügen zu Hause, finden dort Halt, bilden dort ihre "Identität". Kein Europäer wird sich jemals so "zu Europa" gehörig fühlen wie Franzosen zu Frankreich oder Schotten zu Schottland oder Deutsche zu Deutschland.

Eine europäische Identität lässt sich nicht nach dem Bild nationaler Identitäten modellieren. Wir sollten es auch nicht versuchen. Die Europäische Union kann auch nicht erwarten, dass ihr die gleichen Loyalitäten und Opfer entgegengebracht werden wie den Nationalstaaten. Eine europäische Identität wird immer nur ein Zusatz zur nationalen, nie ein Ersatz für sie sein. Aber europäische Identität ist nicht möglich, ohne dass sich die Völker Europas mit Europa identifizieren.



Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 13. Juni 2006 )
 
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